Kosmische Schrecken, Barbaren, vergessene Welten

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      Kosmische Schrecken, Barbaren, vergessene Welten

      So, hier ist er nun. Unser Lesezirkel-Thread zu den Großen Drei der Weird Tales, (in erster Linie) H. P. Lovecraft, Clark Ashton Smith und Robert E. Howard, aber bei Interesse natürlich auch den zahlreichen "benachbarten" Autoren und eventuell manchen "Erben" der Pulpster. In Anbetracht des Umstandes, wie wichtig die Brieffreundschaften untereinander für das literarische Schaffen der hier behandelten Autoren waren, hielt ich es für praktisch, diesen Komplex in ein Thema zu verlagern. Wie viele wir von all den Storys letzten Endes tatsächlich durchnehmen, liegt allein bei euch.

      Wir beginnen natürlich mit H. P. Lovecraft. Einerseits ist dürfte er für die meisten der interessanteste Schriftsteller sein, andererseits hat man mit der Lektüre seiner Erzählungen eine gesunde Basis für die dunkle Collage, die sich in diesem Thread vielleicht ergibt.

      Fangen wir doch einfach vollkommen klassisch mit "The Call of Cthulhu" (in dtsch. je nach Übersetzung "Cthulhus Ruf" oder "Der Ruf des Cthulhu) an. Eventuell können wir schon (über)morgen mit der Besprechung beginnen, denn so viele Seiten gibt es ja nicht zu bezwingen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Beren Stark“ ()

      Für Interessierte ist vielleicht noch interessant, dass man Lovecrafts Werke legal als kostenlose E-Books downloaden kann. :)
      "You retreat into the walls of your civilization because you are too weak to stand before nature as part of the natural environment. Instead of living as partner to nature, man hides behind his civilization, curses and defies true life, distorts his environment to accommodate his own failings. Beware that your environment does not strike back from all your blasphemies, for that day mankind shall be snuffed out like the unnatural freak man is!"
      "Two Suns Setting", Karl Edward Wagner
      Habe es in meiner Ausgabe gefunden, S. 381. Und es ist tatsächlich nicht so lang.
      "The teaching, as you call it, is simply that there isn't to be a deserted or unhappy child in the world. In the end, that's the world's only security: children are the future, you see. If there were no unhappy children, then the future would be secure." - Kelderek (Shardik, p. 585)
      GRÖßTE SPOILERGEFAHR FÜR DIE KURZGESCHICHTE CALL OF CTHULHU

      So ich will dann beginnen mit Lovecraft.
      Ich habe also sehr günstig eine wunderschöne, gebundene Ausgabe mit wunderbarem Design aller Kurzgeschichten von Lovecraft mir bei Amazon geholt. Dort ist auch eine kleine Einleitung vorhanden, wo ich auch mehr über die Biografie von Lovecraft erfahren habe. Die hat mir einen kleinen Stich ins Herz versetzt, zu spät zum Arzt gegangen bei Darmkrebs und dann verstorben ( ;( ). Danach ging es besonders um den Horror, den Lovecraft in seinen Werken darstellen wollte. Er wählte immer die effektivste Art, die Angst vor dem Unbekannten und das es Dinge im Universum gibt für die der menschliche Verstand einfach nicht gemacht ist, sie zu verstehen. Damit spricht Lovecraft so ziemlich mein Verständnis von Horror an. Es sind für mich keine billigen Jumpscares, gruselig aussehende Mädchen oder Mörder mit Masken, Puppen, was weiß ich alles zwar gruslig, aber für mich nichts was nach dem Ansehen mir Gedanken bereitet und mich verängstigt. Subtiler Horror hingegen funktioniert bei mir viel besser. Nur Andeutungen können bereits schlimm genug sei und da ich jemand mit viel Fantasie bei, bleibt das meiste dahinter mir überlassen. Darum mag ich auch ein kryptisches The Shining mit der Frage was echt ist und was nicht in dem Film mehr als einen Slasher wie Freitag der 13. und seine hundert Fortsetzungen. Auch in King-Bücher funktioniert meiner Meinung nach der Horror dann am besten, wenn er sich an dem Lovecraft-Modell orientiert und die Herkunft des Bösen dort im Hintergrund lässt. Das schönste Beispiel hier ist "From a Buick-8", ein Buch zwar nahezu völlig ohne Handlung und durch Ich-Erzähler unnötig verkompliziert, aber wenn dort etwas von der anderen Welt durch den Buick nach drüben kommt, dann ist das verdammt unheimlich beschrieben und trifft genau meinen Nerv von Horror.
      Ich muss zugeben ich bin durch Lovecraft bisher nur durch das Spiel "Call of Cthulhu. Dark Corners of the Earth" in Verbindung gekommen, ein Spiel, dass leider nach einem sehr vielversprechenden Ersten Drittel eine für Lovecraft unpassende Wendung im Spielmodus nimmt. Und noch durch diverse Kurzgeschichten von King, welche meistens sehr beklemmend geschildert waren. Eine zum Beispiel handelt von einem Paar in London, die sich verlaufen und plötzlich in in eine Welt treten mit seltsamen Wesen.

      Lange Rede, jetzt komme ich zu der Geschichte, die Beren Stark als Einstieg vorgeschlagen hat, natürlich die bekannteste von Lovecraft Call of Cthulhu. Cthulhu dürfte so ziemlich das populärste Wesen aus Lovecrafts Feder sein, er wird unzählige Male von anderen Autoren erwähnt und ist sogar schon in der Popkultur angekommen.
      Schon der Einstieg ist verdammt gut gelungen und lässt einen nachdenken. Das beste am menschlichen Verstand ist, dass er nicht alles versteht. Eigentlich eine Aussage, die konträr zu dem steht was die Menschheit jeden Tag versucht, unser Wissen über alle möglichen Dinge zu erweitern, Grenzen zu überwinden und neue Themenfelder zu erforschen und zu erschließen. Lovecraft sieht genau das als Gefahr an, da wir so auf Dinge stoßen könnten, die uns entweder verrückt machen oder uns in ein neues Zeitalter der Unwissenheit (ein dark age) fliehen lassen.
      Dann beginnt auch schon die Story, sie wird erzählt von einem Mann ohne Namen (zumindest bis jetzt), der im Nachlass seines Großonkels, der auf seltsame Art trotz seines hohen Alters gestorben ist, auf einige interessante Dinge stößt: Eine Skulptur mit seltsamen Hieroglyphen und der Darstellung eines bizarren Wesens, welches wie eine Mischung aus Drachen, Mensch und Oktopus wirkt. Dazu hat sein Großonkel einige Manuskripte mit Aufzeichnungen hinterlassen. Im Leben war sein Großonkel Professor für semitische Sprachen, die Skulptur hat er von einem ekkzentrischen, aber hochbegabten Kunststudenten erhalten, der meint er hätte von diesem Wesen geträumt. Mir gefällt bereits hier die Distanziertheit des Ich-Erzählers zum eigentlichen Geschehen, schon das trägt zur Unheimlichkeit bei, denn wir wissen bereits, dass der Protagonist tot ist, aber etwas hinterlassen hat. Etwas Vergangenes wirkt normalerweise immer noch ein Stück mysteriöser auf den Leser, als ein Ereignis welches in der Gegenwart stattfindet, so habe zumindest ich das Gefühl. Auch Kings bessere Kurzgeschichten haben eine solche Struktur wie hier.
      Professor Angell (so heißt der gute Mann) und Wilcox (der Kunststudent) entscheiden sich, dass Wilcox eine zeitlang Professor Angell immer wieder von seinen Beobachtungen in den Träumen berichtet. Dabei kommt vorallendingen seltsame Laute zum Vorschein, die in richtigen Buchstaben wie Kauderwelsch klingen. Schließlich hat Wilcox ein ziemlich seltsames Fieber, welches über eine Woche anhält und dann verschwindet. Danach hat er komischerweise auch keine komischen Träume mehr von dem Wesen, den riesigen Städten und der seltsamen Sprache. Das Unheimliche kommt jedoch erst jetzt, denn der Professor hat jeder, der ihm bekannt ist, um Berichte über deren Träume in dem Zeitraum gebeten, in dem Wilcox zu ihm gekommen ist. Es stellt sich heraus, dass besonders Dichter und Künstler ähnliches erlebt haben, was Wilcox erlebt hat, einer ist deshalb sogar verrückt geworden und nach mehreren Monaten gestorben, nachdem er fortwährend geschrieen hat von einem Wesen aus der Hölle gerettet zu werden. Besonders in Irrenhäuser hat es komische Begebenheiten gegeben mit Kritzeleien an den Wänden und unruhigen Träumen der Insassen und zwar verteilt über die ganze Welt.
      So weit bin ich erstmal gekommen, denn hier endet der erste Abschnitt. Definitiv packt einem die Geschichte schnell, wenn man sich gerade im Gruselmodus befindet und ich bin gespannt welche Wendung das Ganze noch nimmt.
      "The teaching, as you call it, is simply that there isn't to be a deserted or unhappy child in the world. In the end, that's the world's only security: children are the future, you see. If there were no unhappy children, then the future would be secure." - Kelderek (Shardik, p. 585)
      Darf ich überhaupt einen Dreifach-Post absetzen ohne von der Moderation einen auf den Deckel zu bekommen? Wenn keiner zwischenfunkt, muss das leider so sein.

      Ich bin jetzt durch mit der Kurzgeschichte Call of Cthulhu

      Mir hat sie wirklich sehr gut gefallen. Es ging ja dann gut weiter mit dem Bericht von dem Inspektor aus New Orleans, der in den Sümpfen ein bizarres Totenritual einiger illegaler, dunkelhäutiger Siedler entdeckt, wobei auch wieder eine Cthulhu-Statue auftaucht. Einer der Teilnehmer des Kultes kann sogar mehr über den Kult verraten. So würde es die Great Old Ones seit Jahrmillionen schon geben und sie warten nur auf die richtige Konstellation, um wieder über die Erde zu herrschen. Kulte wie seiner begrüßen ihren Rückkehr aus der seltsamen Stadt R'lyeh.
      Dabei hätte es Thurston (jap, man sollte den Titel ganz lesen, dann weiß man auch wie der Erzähler heißt) bewenden lassen sollen, doch er stößt noch auf einen Zeitungsartikel, der ihn dann fundamental verändert. Er berichtet von dem Überlebenden einer Handelsyacht, die irgendwo im Pazifik gefunden wurde. Diesen Seemann, Johansen besucht Thurston in Norwegen, nur festzustellen, dass er auf ähnliche Weise gestorben ist wie Professor Agnell. Er hat jedenfalls eine Aufzeichnung über seine Reise hinterlassen und die es wirklich schauderhaft. So ist er mit seiner Crew zuerst auf ein Schiff voller Südsee-Eingeborener gestoßen, die sie zuerst abhalten wollte weiterzusegeln und dann angriffen. Dabei ging das Schiff von Johansens Crew verloren und sie mussten sich auf die Yacht der Eingeborenen retten, die sie alle töteten. Dann jedoch fanden sie tatsächlich die Stadt R'lyeh und die Beschreibung dieser hat mir wirklich Kopfschmerzen bereitet. Wie soll ich mir eine Stadt vorstellen, die nicht nach den normalen Gesetzen der Mathematik und Physik funktioniert. Das hat schon viel ausgemacht, um sich beklemmend zu fühlen.
      Noch heftiger wurde das als Cthulhu dann wirklich aufgetaucht ist. Genauso stelle ich mir die Beschreibung eines Wesens vor, dass der menschliche Verstand gar nicht fassen kann. Zwei sterben direkt aus Furcht, als sie das Wesen nur ansehen, drei weitere bei einem Sturz und Johansen selbst schafft es nur mit einem anderen Crewmitglied noch auf das denkt. Interessant hier sein spontaner Mut Cthulhu direkt mit der Yacht zu rammen, was ja was bewirkt es denn? Es tötet Cthulhu nicht, scheint ihn jedoch trotzdem irgendwie in seinen Schlaf zurückzuversetzen, wodurch die Menschheit noch einmal von ihm verschont wird. Unheimlich wird es, weil sich die Zeiten in der ein Sturm im Pazifik ist und Cthulhus Auferstehung mit den Träumen von Wilcox und den anderen deckt.
      Am Ende will Thurston sein Manuskript, die Aufzeichnungen seines Großonkels und auch die Statuette vernichten, damit es niemals jemand zu lesen bekommt, weil niemand davon wissen sollte. Er scheitert damit, denn ich denke er stirbt bald darauf und so gelangt das Manuskript weiter in Umlauf.

      Meine Überlegungen: Ich habe das Gefühl irgendwie hat Cthulhu sowohl Johansen als auch Agnell und Thurston dazu gebracht Aufzeichnungen über die seltsamen Vorkommnisse anzulegen, damit sein Kult in gewisser Weise präsent bleibt. Thurston betont eindringlich, dass niemand davon wissen sollte und schreibt trotzdem ein Manuskript, da muss was faul sein. Ähnlich Johansen, der gegenüber allen schweigt, der Admiralität seiner Frau und dann doch vor seinem Tod noch seine Begegnung auf R'lyeh niederschreibt. Daher denke ich, dass Cthulhu will, dass ihr Wissen langsam in die Welt getragen wird, aber nicht zu schnell, weshalb alle drei sterben, sobald sie ihr Manuskript beendet haben. Alle sterben unter mysteriösen Umständen nach eher leichten Lappalien. Daher glaube ich, dass sie durch ihre Entdeckungen bereits so extrem verängstigt worden sind, sodass schon die kleinste Aufregung ausreichte, um sie umzubringen.
      Cthulhu ist für mich kein Wesen, was wirklich eine Form hat, sondern eine Entität, die vom Menschen absolut nicht zu begreifen ist, ein tieferes Geheimnis des Universums, dass nach keinen uns bekannten Naturgesetzen funktioniert. Daher wurde es auch nicht getötet, als Johansen durch Cthulhu hindurchfuhr, sondern hat sich sofort wieder neugebildet. Der Mensch ist also absolut machtlos gegenüber Cthulhu. Er hatte nur Glück, dass anscheinend nach einer Woche die günstige Konstellation der Sterne wieder vorüber war, sodass Cthulhu in sein nasses Grab wieder hinabgestiegen ist oder steigen musste. So weit ich weiß gibt es noch höhere Gottheiten in dem Mythos, sodass vielleicht auch eine solche eingegriffen hat und Cthulhu wieder zurückgeschickt hat, da seine Zeit noch nicht reif ist.
      Die ursprüngliche Crew der Alert, also die Eingeborenen wollten denke ich die Crew der Emma nur warnen und haben es dann als es nicht anders ging mit unkonventionellen Mitteln versucht.
      Ich weiß jetzt endlich woher King zahlreiche Inspirationen für seinen Idee hatte. So ist Es in meinen Augen, also das Wesen definitiv an einen Great Old One angelegt. Auch dieses ist unvorstellbar alt, jenseits der Vorstellungskraft eines Menschen, in seiner richtigen Gestalt stirbt man schon aus Furcht bei dessen Anblick und es kann Menschen durch Träume beeinflussen. Auch weiß ich jetzt endlich, woher die Erzählstruktur aus der Kurzgeschichte N. herkommt, denn die ist so ähnlich. Auch da werden Aufzeichnungen über ein paranormales Ereignis weitergegeben und jeweils der nächste stirbt daran, hinterlässt aber wieder Aufzeichnungen, die der nächste als faszinierend empfindet.

      Ich weitere bereit weitere Kurzgeschichten und Novellen auszuprobieren, vielleicht die von Beren so sehr verhasste The Dream-Quest of Unknown Kadath.
      "The teaching, as you call it, is simply that there isn't to be a deserted or unhappy child in the world. In the end, that's the world's only security: children are the future, you see. If there were no unhappy children, then the future would be secure." - Kelderek (Shardik, p. 585)
      Hier galt für meinen Teil das Sprichwort: "Wer schweigt, stimmt zu." ;)
      Deine Theorie, dass Cthulhu die Niederschrift der Erlebnisse erzwingt, ist interessant.
      Nur davon:
      So weit ich weiß gibt es noch höhere Gottheiten in dem Mythos, sodass vielleicht auch eine solche eingegriffen hat und Cthulhu wieder zurückgeschickt hat, da seine Zeit noch nicht reif ist.

      würde ich Abstand nehmen. Die Großen Alten, die Äußeren Götter und die älteren usw. bilden kein Pantheon im eigentlichen Sinne. Außer Nyarlathotep, der als Bote der Äußeren Götter mehr oder minder Azathoth unterstellt ist, und Vater Dagon und Mutter Hydra, die als Oberhäupter der Deep Ones der Logik nach Cthulhu unterstellt sein müssten, gibt es keine wirklichen Beziehungen zwischen denen. Sie existieren nebeneinander, haben aber nicht viel miteinander zu schaffen. Oder manchmal doch ...
      Das Bild das Lovecraft vorstellt ist recht fragmentarisch, was ja auch nur zu seinen Geschichten passt. Diese ganz genauen Einordnungen und/oder Rangfolgen stammen von anderen bzw. späteren Autoren. Z. B. dass sie untereinander Kinder zeugen wie die griechischen Götter, stammt vielleicht ursprünglich von Clark Ashton Smith.
      Aber für die Lovecraft-Sachen spielt das nur bedingt eine Rolle.

      Ich werde demnächst auch mal meine Gedanken zu der Story posten, soweit sie sich nicht allzu sehr mit deinen decken.

      Ser Erryk schrieb:

      Meine Überlegungen: Ich habe das Gefühl irgendwie hat Cthulhu sowohl Johansen als auch Agnell und Thurston dazu gebracht Aufzeichnungen über die seltsamen Vorkommnisse anzulegen, damit sein Kult in gewisser Weise präsent bleibt.


      Das Gefühl lässt sich übrigens dahingehend am Text untermauern, dass einer der von dem Inspektor verhafteten Kultisten (der alte Mestize Castro) im Vehör zu Protokoll gibt, dass in vergangen Zeitaltern die Großen Alten den Menschen Träume von sich gebracht hätten, also wissentlich und willentlich mit ihnen kommuniziert haben, um das Wissen um ihre Existenz zu verbreiten.
      „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ (Gandhi)

      Der Sinn des Lebens sollte nicht darin bestehen zu tun was wir wollen, sondern das zu tun, was vernünftig ist.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Sandhai“ ()

      So ich habe jetzt einfach mal ganz von vorne angefangen mit Lovecraft und zwar seine erste publizierte Horrorgeschichte The Beast in the Cave.
      Es handelt von einem Mann, der sich in der Mammoth Cave von seiner Gruppe trennt und verläuft. Er hat eigentlich schon aufgegeben und weiß, dass er hier sterben wird, vermutlich durch Hunger, als er hört wie sich ein seltsames Wesen nähert. Kurzerhand entscheidet er sein Leben doch noch zu verteidigen und wirft mit einem Stein nach dem Wesen. Danach findet er wieder mit dem Führer der Besichtigungsgruppe zusammen und sie untersuchen das Wesen. Auch wenn ich jetzt gefühlt schon fast die ganze Geschichte gespoilert habe, den Twist setze ich trotzdem in Tags.
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      Die Kreatur ist affenartig, mit schneeweißem Haar bedeckt, rattenartigen Krallen, schwarzen Augen ohne Iris. Kurz bevor das Wesen jedoch dahinscheidet, gibt es noch einige Laute von sich und der Protagonist und auch der Führer erkennen mit Entsetzen, dass dieses Wesen ein Mensch gewesen ist, der sich auch in der Höhle verirrt hatte.​


      Meine Meinung dazu: Der Ich-Erzähler ist hier etwas seltsam gewählt. Er erzählt, wohl zu sich selbst, was er gerade in dem Moment durchmacht, als er sich verirrt hat. Das wirkt jedoch längst nicht so bedrückend und beängstigend, wie wenn das aus der dritten Person erzählt worden wäre, denn es wirkt so als würde er in Gedanken eine Abhandlung darüber schreiben, dass er sich gerade verirrt hat. So gesehen kommt die absolute Dunkelheit, das Ungewisse, das Gefühl sich hoffnungslos verirrt zu haben nicht ganz so gut rüber. Das Wesen ist dann wieder gut gelungen und der Twist ist schon toll gewählt, mir aber auch ein Stück zu absurd gewesen, als das dieser mir jetzt schlaflose Nächte bereiten würde.
      Hat die sonst noch jemand gelesen?
      "The teaching, as you call it, is simply that there isn't to be a deserted or unhappy child in the world. In the end, that's the world's only security: children are the future, you see. If there were no unhappy children, then the future would be secure." - Kelderek (Shardik, p. 585)
      Joah, ich. :D
      Du hast schon mit allem Recht. Mich hat zwar beeindruckt, mit welchem sprachlichen Niveau er schon in so jungen Jahren geschrieben hat (vorallem wenn man da an Leuts wie Paolini denkt), aber die Ich-Perspektive wird hier recht sinnfrei verwendet. Aber es nervt mich allgemein wie Jung- und Hobby-Autoren diese verwenden.
      Der Ich-Erzähler hat (!!!richtig eingesetzt!!!) etwas pseudodokumentarisches, etwas, das die Geschichte irgendwie authentischer wirken lässt. Vielleicht weil man dann tatsächlich das Gefühl hat, man würde den Brief eines Freundes lesen o. ä. .Gleichzeitig nimmt der Text aber nicht in Anspruch eine (im fiktionalen Sinne der Erzählung) wahre Geschichte zu erzählen.
      Deshalb ergibt es z. B. auch absolut keinen Sinn, Ich-Erzähler im Präsens zu schreiben. Machen viele aber sehr gerne. (Gerade im dtsch. CP-Wiki brichst du dir das Kreuz unter den Dingern). Ebenso ist es m. E. arg gemogelt, wenn man dann mehrere Ich-Erzähler hat.
      Denn was an einem guten Ich-Erzähler u. a. so interessant zu lesen (und höllisch schwierig zu schreiben) ist, ist doch, dass man nur sehr gründlich ausselektierte und unzuverlässige Informationen bekommt.
      Lange Rede, kurzer Sinn: Ja, du hast recht, dritte Person wäre günstiger gewesen.
      Und gerade des Twists wegen, würde ich noch hinzufügen, dass die Geschichte vielleicht als Club-Story wesentlich besser funktioniert hätte.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Beren Stark“ ()

      Ich empfinde Präsens-Stil allgemein als ziemlich blöd in Geschichten, keine Ahnung warum. Liegt vielleicht daran, dass der Gegenwartsmoment in der die Geschichte geschrieben wurde auf jeden Fall davor passiert ist als ich gelesen habe, womit ich eine Aktualität nicht herstellen kann.
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      Meistens wollen Autoren_innen dem Text dadurch etwas mehr Wucht verleihen.
      Mir fällt allerdings kein Werk bzw. keine Textstelle ein, wo das funktioniert hätte. Es wirkt eher effektheischend als kraftvoll. Wenn es wirklich nur einzelne Passagen sind, empfinde ich diese durch den Zeit-Wechsel ohnehin in erster Linie als Fremdkörper.
      The Alchemist von H. P. Lovecraft

      Lovecrafts zweite publizierte Kurzgeschichte handelt von dem letzten Nachfahren eines einstmals bedeutenden französischen Adelshauses, welches jedoch im Laufe der Jahrhunderte immer mehr verarmte und kaum noch Bedeutung hat. Zudem lastet ein eigenartiger Flucht auf dem Haus. Sämtliche Comtes des Hauses (das im übrigen mit C beginnt, wir aber den vollen Namen nie erfahren) sterben mit 32. Der Ursache dieses seltsamen Fluches geht Antoine, der letzte Nachfahre schließlich auf den Grund.

      Meine Meinung dazu: Die Geschichte fängt gut an. Mir gefällt die Beschreibung des verfallenen, gotischen Schlosses (oder Chateau, um es sprachlich korrekt auszudrücken) und die Geschichte des Hauses mit seinen seltsamen Todesfällen. Auch die investigativen Nachforschungen von Antoine gehen noch. Die Auflösung des Ganzen hat mich jedoch nicht wirklich vom Hocker gehauen:
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      ​Grund ist der Sohn eines Alchemisten Charles Le Sorcier, dessen Vater Michel Mauvais zu Unrecht getötet wurde, als der Sohn eines der Comte verlorenging. Offenbar hat er ein Elixir des ewigen Lebens gefunden und die ganzen 600 Jahre immer auf den richtigen Zeitpunkt gewartet die Comtes auszulöschen. Ausgerechnet bei Antoine scheitert er aber grandios, was ich schon arg seltsam fand. Dann jedoch lässt sich Lovecraft viel zu lange Zeit, um das absolut Offensichtliche aufzudecken, dass der alte Mann dem Antoine begegnet Charles Le Sorcier ist. Für die Zeit mag eine solche okkulte Auflösung mit Alchemie und allem vielleicht noch etwas Besonders gewesen sein, heutzutage ist es jedoch nur ein müdes Lächeln. Daher fand ich die Kurzgeschichte nicht ganz so toll wie "The Cave." Hier hat sich Lovecraft offenbar nur versucht und auf die Spuren von Poe? begangen.
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      Puh, vom Alchemisten war mir wirklich kaum was im Gedächtnis geblieben, was nicht gerade für die Story spricht.
      Hast du "The Lurking Fear" schon gelesen? Die ist mir wiederrum von seinen früheren Sachen als am stärksten in Erinnerung geblieben.

      Schließlich ist mir noch dies aufgefallen:
      Die ursprüngliche Crew der Alert, also die Eingeborenen wollten denke ich die Crew der Emma nur warnen und haben es dann als es nicht anders ging mit unkonventionellen Mitteln versucht.

      Lies mal "The Horror at Red Hook", dann wirst du das Handeln der Alert-Crew ein wenig anders interpretieren ...

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Beren Stark“ ()

      Beren Stark schrieb:

      Hast du "The Lurking Fear" schon gelesen?

      Das dauert noch ein Stück, in der Inhaltsliste kam das irgendwann bei Seite 200. Ich habe jetzt erstmal The Tomb gelesen, die ich als solide einordnen würde.
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      Schritt für Schrritt taste ich mich vor. Lovecraft hat schon etwas sehr Faszinierendes an sich, wenn auch keine seiner frühen Geschichten bisher die Beklemmung ausgelöst hat wie Call of Cthulhu. Jetzt habe ich aber wohl die erste Kurzgeschichte gelesen, die Teil dieses sogenannten Cthulhu-Mythos ist. Sie heißt Dagon. Hierin entkommt ein Seemann, nachdem sein Schiff von den Deutschen gekapert wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges (der damals noch the Great War hieß, was hoffentlich absolut einleuchtet, warum Lovecraft ihn nicht Erster Weltkrieg nennt), in den Pazifik. Nach einiger Zeit des monotonen Ruderns befindet er sich plötzlich auf einer sehr seltsamen Insel wieder, die komplett aus schwarzem Schleim besteht, über und über mit Fischkadavern bedeckt ist und offensichtlich durch vulkanische Erhebung aus der Tiefsee an die Oberfläche gebracht wurde.
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      ​Der Seemann erklimmt letztendlich eine sehr hohe Erhebung und findet plötzlich einen weißen Monolithen mit sehr seltsamen Hieroglyphen wieder, die allesamt Unterwasserwesen darstellen. Dann bemerkt er die Darstellung von humanoiden Fischwesen. Plötzlich taucht eine seltsame, riesenhafte Kreatur auf, die gegenüber dem Monolithen seltsame Laute von sich gibt. Diese Begegnung treibt den Seemann so sehr in den Wahnsinn, sodass er nicht in der Lage ist, das Wesen näher zu beschreiben und am Ende auch nicht weiß wie er ein Krankenhaus nach San Francisco gekommen ist. Die Begegnung hat ihn wahnsinnig gemacht und nur dank Morphin kann er dagegen ankämpfen, doch als ihm der Vorrat ausgeht, entscheidet er sich seine Geschichte niederzuschreiben und Selbstmord zu begehen.


      Meine Meinung: Die Geschichte wirkte wie ein früher Versuch von Call of Cthulhu. Zumindest erkenne ich hier die typischen Lovecraft-Elemente wieder. Seltsame Wesen, die unter der See hausen, jeden in den Wahnsinn treiben, der sie nur anblickt und einen verzweifelten, suizidalen Ich-Erzähler, der diese furchtbare Begegnung nicht verarbeiten kann und daher Selbstmord begeht. Spannend empfand ich es auch, wenn es mich auch nicht ganz so gepackt hat wie die Begegnung der Alert mit Cthulhu, in der Hinsicht hat Lovecraft über die Jahre dann noch einiges zugelegt. Dagon, das wusste ich gar nicht, ist tatsächlich eine historische Gottheit aus der Zeit der Babylonier und wurde besonders durch Miltons Gedicht Paradise Lost in Erinnerung gerufen, an welches sich der Seemann im Laufe der Geschichte auch erinnert. Jetzt weiß ich also, was bei Lovecraft die Inspirationsquelle für diese komische Wesen waren, die unter dem Meer lauern.
      "The teaching, as you call it, is simply that there isn't to be a deserted or unhappy child in the world. In the end, that's the world's only security: children are the future, you see. If there were no unhappy children, then the future would be secure." - Kelderek (Shardik, p. 585)
      Ich lese gerade die Neuauflage von Houellebeqs Essay 'Gegen die Welt, gegen das Leben'. Ein sehr treffendes Buch schmales Buch über Lovecraft.
      Vielleicht finde ich noch etwas Zeit, Lovecraft zu lesen und hier einzusteigen.
      Ein interessanter Thread. Ich freue mich schon, wenn es hier um Robert E. Howard geht.
      Für mich ist gerade das, was den Menschen so ungeheuer kostbar macht, seine schöpferische Fähigkeit, das heißt, daß aus jedem Menschen eine ganz neue Welt hervorgehen kann. (M.E.)

      Beren Stark schrieb:

      Kannst du eigentlich was zu der REH-Biografie von Mark Finn sagen? Ist die gut?

      Du meinst 'Blood and Thunder'? Nein, die habe ich bisher noch nicht gelesen. Ich kenne Mark Finn nur von verschiedenen Vorträgen bei den 'Robert E. Howard Days' z.B. (Videomitschnitte beu youtube). Auf jeden Fall haben mich diese Vorträge neugierig auf sein Buch gemacht.

      Beren Stark schrieb:

      Als Person finde ich Howard von den großen Drei mit Abstand am interessantesten.

      Das geht mir genau so. Ich mochte Howard von Anfang an. Damals konnte man ja einiges (auch seine Autobiographie) über den EDFC bekomme. Da habe ich auch einen Band mit seinen Gedichten her.
      Ich würde mich hier gerne näher über ihn und seine (Horror)Geschichten unterhalten (vielleicht etwas planvoller, als es hier gerade läuft).

      Beren Stark schrieb:

      Soweit ich auf dem Stand bin ist man sich ja bis heute nicht einig, ob er vielleicht doch krank war, auch wenn er mit dem Selbstmord seinen Ödipuskomplex hinreichend unter Beweis gestellt hat.

      Das ist mir zwar nicht ganz unbekannt. Aber bisher gibt es doch keine greifbaren Tatsachen, oder?
      Für mich ist gerade das, was den Menschen so ungeheuer kostbar macht, seine schöpferische Fähigkeit, das heißt, daß aus jedem Menschen eine ganz neue Welt hervorgehen kann. (M.E.)
      vielleicht etwas planvoller, als es hier gerade läuft
      Die Conan-Serie könnte man durchaus planvoller durchsprechen. Fragt sich nur wie weit, denn ich weiß nicht, ob die anderen Bock hätten, sich ebenfalls durch die eher durchschnittlichen Sachen zu arbeiten. (Obwohl ich bezüglich Howard eventuell Ser Erryk mit ins Boot gezerrt habe, und der sagt ja, er könne keine Reihe abbrechen. ;) )
      Ich würde ja sagen, dass die ersten fünf oder sechs Conan-Storys die besten sind (von denen ich wiederrum "Der Turm des Elefanten", "Die scharlachrote Zitadelle" und "Die Königin der schwarzen Küste" als meine Top-Favoriten nennen würde) und ich mag auch noch ein paar der schwächeren Episoden, die kurz darauf folgten. Nur als die Geschichten sich dann immer länger streckten wurde es m. E. kritisch. Sicher haben auch die letzten großen Drei, wie ich sie immer nenne, ihre Vorzüge, aber auch die erreichen m. M. n. nie die Intensität und den dunklen Sense of Wonder des ersten Blutrausches.

      Das ist mir zwar nicht ganz unbekannt. Aber bisher gibt es doch keine greifbaren Tatsachen, oder?
      Hier verstehe ich ehrlich gesagt nicht so ganz, worauf du dich beziehst. Dass er möglicherweise krank war, oder den Ödipuskomplex?